German translation: Schwul sein in Haiti - leben und sterben

This piece first appeared in English on Kasama here. Thanks to mama-haiti for this translation.

Ich wurde als Masisi geboren. Ich bin ein unmännlicher Homosexueller.

Meine sexuelle Orientierung wurde mir bei meiner Geburt gegeben. Ich hatte nicht die Wahl, zu sein, wer ich bin. Aber ich werde mich weder für mein Geschlecht noch für meine sexuelle Ausrichtung schämen.

Haiti ist ein gefährlicher Ort für Homosexuelle. Erst Kürzlich gab es Proteste gegen uns. Ein Mob von religiösen Demonstranten mit Stöcken, Macheten und Steinen bewaffnet, hat zwei Männer im Zentrum der Stadt zu Tode geprügelt.

Dies geschah am Ende eines Marsches gegen Homosexualität, organisiert von sogenannten moralischen Führern. Sie sagen, wir treten ein für die Rechte. Rechte von denen sie sagen, dass wir (die Homosexuellen) nicht das Recht haben, sie zu haben. Aber wir sind Menschen!

Ich selbst bin ein Student und komme aus einer armen Region, ich habe immer in Angst gelebt. An der staatlichen Universität erlebte ich Diskriminierung und wurde gezwungen, diese zu verlassen, weil meine Professoren sagten, sie könnten einen Homosexuellen nicht unterrichten, weil sie dadurch mit ihren religiösen Überzeugungen in Konflikt geraten. Jetzt besuche ich eine kleine Universität, wo die meisten meiner Professoren aus der Diaspora und Ausländer sind. Sie akzeptieren mich, wie ich bin und lassen keine Diskriminierung zu.

In meiner Nachbarschaft erlebte ich eine Menge Gewalt und so waren wir gezwungen, in einen anderen Stadtteil zu ziehen. Ich wurde von einigen Männern geschlagen, als ich gerade einmal 15 Jahre alt war. Sie sagten, ich wäre ein Tier. Sie schlugen mich mit Stöcken und Steinen. Ich dachte, dass ich von diesen Männern getötet werden würde.

Nach diesem Vorfall sagte meine Mutter ich müsse vorsichtiger sein und so habe ich das Haus fünf Monate lang nicht mehr verlassen. Aber eines Tages war ich gezwungen es zu verlassen, um in die Apotheke gehen, um einige Medikamente für meine Schwester zu holen. Sie hatte Fieber.

Als ich auf der Straße war, sah mich ein Mann und er begann mich anzuschreien, er nannte mich einen „Masisi". Eine große Menschenmenge versammelte sich, und hat mich gestoßen, Müll auf mich geworfen und mich geschlagen und getreten. Ich hatte solche Angst.

Ich entkam und ging nach Hause.

Meine Mutter nahm mich, ging mit mir zur Polizei und sagte, sie wolle eine Anzeige machen, weil ihr Kind angegriffen wurde. Sie sagten, ich sei ein Pädophiler und dass ich verhaftet werden würde. Der Polizist nahm mich mit in ein Hinterzimmer der Polizeiwache und verlangte Oralsex von mir. Ich weinte und schrie. Meine Mutter schrie sehr viel und die Polizei ließ mich gehen. Nach diesem Vorfall waren wir gezwungen, wieder in ein anderes Viertel zu ziehen.

 

In diesem Viertel haben wir für sechs Jahre gelebt. Ich hatte keine Freunde. Ich habe mit niemandem auf der Straße gesprochen. Die Leute dachten, ich wäre taub, weil ich das ganze Gerede um mich ignoriert habe. Ich habe auf niemandem reagiert. Aber dann, eines Tages sah mich ein junger Mann auf der Straße, der mich erkannte.

Er begann, Dinge zu sagen und die andere Leute hörten, dass er mich einen Masisi nannte. Seit dieser Zeit war ich allen verdächtig. Meine Mutter schickte mich zur Familie meines Vaters aufs Land. Auf dem Land belästigte mich niemand.

Bald danach zog ich in eine andere Stadt, um eine Universität zu besuchen. Ich ging nicht nach Port-au-Prince zurück. Aber ich konnte nie verstecken, wer ich war. Jeder der Zeit mit mir verbrachte, jeder der mich kennen lernte, konnte sehen, ich war unmännlich - homosexuell.

Ich wollte ein normales Leben. Ich wollte andere Menschen die auch Masisi waren treffen. Ich wollte verliebt sein und ich war wegen meiner Situation sehr deprimiert. Jeden Tag lebte ich in Angst.

Nachdem ich gezwungen war die Universität zu verlassen, verfiel ich in eine schwere Depression. Ich wollte nicht mehr leben. Ich hatte überhaupt keine Hoffnung. Mein Herz war nicht in Frieden. Für ein paar Jahre war mein Leben schrecklich. Ich hatte keine Arbeit, keine Ausbildung, und für nichts auch nur die geringste Chance. Eines Tages rief mich meine Mutter an und sagte ich soll nach Hause zurückkehren.

Nach dem Erdbeben war sie an einen anderen Ort gezogen und sie sorgte dafür, dass ich ein Stipendium für die Universität bekam. Ich studiere Englisch, Psychologie, Sozialwesen und Computer Information.

Jetzt ist mein Leben ein wenig besser, aber ich weiß, dass, wenn die Menschen in der Region entdecken, wer ich bin, diese mit Gewalt gegen mich vorgehen. Jeden Tag studiere ich, während ich darauf warte „dass es wieder passiert."

Unsere Gesellschaft in Haiti ist sehr gewalttätig und feindselig gegenüber Homosexuellen.

Es ist anders als in der Vergangenheit, als die Menschen leben durften und akzeptiert wurden. Die Christen sagen, dass wir das Erdbeben wegen Homosexualität und Voodoo selbst verursacht haben, dass unsere Sünde dafür verantwortlich ist. Und es sind nicht nur haitianischen Pastoren, die das sagen.

Es sind auch die amerikanischen Pastoren. Sie nahmen ihren amerikanischen Hass und importierten ihn in unser Land. Sie gaben ihn uns als "Hilfe" und haben unsere Gesellschaft mit ihren religiösen Vorstellungen, ihrer Kultur und ihrem Glauben vergiftet. Das ist der Grund, warum ich den Einfluss der Ausländer in unserem Land ablehne.

Heute sage ich: Ich bin Haitianer. Ich bin ein menschliches Wesen. Ich bin ein Masisi.

Kasama hat dieses Schreiben aus Haiti erhalten. Es wurde in haitianischem Creol geschrieben. Die Übersetzung ins Englische stammt von Kasama. Mit freundlicher Genehmigung von Kasama durften wir es ins Deutsche übertragen.

 

 

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